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> KIOSK für nützliches Wissen > Die Kioskarchitektur

Stephen Craig

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Stephen Craig ist als Gewinner der internen Ausschreibung zur Mobilen Forschungseinheit (MFE) Architekt und Gestalter der MFE.
Unter dem Titel KIOSK / für Nützliches Wissen wird sie ab Juni 2002 durch Berlin touren.



Stephen Craig Interview von Anna-Catharina Gebbers

Gebbers: Der Entwicklungsauftrag für den "Kiosk für nützliches Wissen" setzt Ihr künstlerisches Projekt des "Transportable Pavillons" fort, den Sie 1989 entworfen haben und der aus einem transportablen Ausstellungsraum mit Kino und Camera Obscura bestand. Dem breiteren Publikum bekannt wurden Sie mit Ihrem Pavillon, den Sie 1997 auf der documenta X realisierten: In der Kasseler Treppenstrasse bauten Sie ein Modell für einen Kinoraum, in dem Geschäftsleute aus den umgebenden Läden in Filmen zu Wort kamen. Welche architektonischen Elemente sind bei der aktuellen Arbeit zentral?

Craig: Die Aufgabenstellung lautete, eine architektonische Einheit zu schaffen für vier verschiedene Sektoren: Archiv, Informations- und Verkaufsstand, Büro und Bar. Da alle Funktionen vom Archivar erfüllt werden, habe ich eine runde Architektur entworfen, damit eine einzige Person in der Lage ist, alle Bereiche schnell erreichen und bedienen zu können. Ein Kreuzsystem mit Türen zur Mitte hin bildet den Grundriss, umschlossen wird es von einem Kreis: Drei Bereiche werden durch runde Tresen unterschiedlicher Höhe abgeschlossen, das Büro verfügt über eine nach außen abgeschlossene Regalwand.
Im Grunde genommen hat der Archivar mich in Bezug auf die Architektur mehr interessiert als das Archiv selbst. Denn er wirkt auf mich in dem Projekt wie eine Metapher für das Lebendige und Menschliche, für das Alltägliche, Pragmatische, aber auch das Theatralische. Der Archivar ist Büroarbeiter, Informationsverteiler, Verkäufer, Barmann und Kontaktperson. Er geht von einem Bereich zum anderen und legt damit Vergleiche zum Leben und zum Theater nahe.
Ich begreife den Kiosk darüber hinaus auch als eine Art soziale Anlaufstelle, als Treffpunkt. In der Architektur wollte ich die verschiedenen Aspekte zusammenbringen: sich in verschiedenen Segmenten aufhalten können und dabei verschiedene Möglichkeiten der sozialen Begegnung und des Stöberns zu haben.

Gebbers: Was interessiert Sie an der Idee der begehbaren, funktionalen und transportablen Pavillon-Skulptur?

Craig: Meine ersten prägenden Begegnungen mit transportablen Einheiten fanden in meiner Kindheit statt: Dort, wo ich aufgewachsen bin, kam einmal die Woche eine fahrende Bibliothek vorbei. Ich liebte es, in diese "Travelling Library" zu gehen und in den Regalreihen durch die Bücher zu stöbern. In den 1960er und 1970er Jahren gab es in den nordirischen Dörfern zahlreiche derartige transportable Einheiten: den Bäckerwagen, den Milchmann, den Limonadenmann, den Kartoffelwagen.
Meine nächste, wichtige Begegnung mit transportablen Einheiten waren die Entwürfe der russischen Konstruktivisten: die transportablen Kinos, Bibliotheken, Propaganda-Kioske und die ganze politisch orientierte, städtische Kunst Rußlands mit dem utilitaristischen Anspruch, Kunst zum Umbau der Gesellschaft einzusetzen. Die fahrbaren Einheiten der Konstruktivisten konnten auf Zügen oder mit Pferdewagen auch in die weit abgelegenen Regionen gebracht werden. Daher stammt die Idee des Kiosk bzw. des Kulturkiosk.
Einen starken Eindruck hat auch ein Taubenhaus hinterlassen, das mein Vater gebaut hat. Während meines Studiums stellte ich fest, das es aussah wie ein russischer konstruktivistischer Pavillon. Dieses Häuschen hat früh mein räumliches Interesse geweckt und meine spätere Arbeit beeinflußt.
Ich betrachte den transportablen Pavillon also in erster Linie als "natürliches Ereignis". Hinter der künstlerischen Umsetzung steht zwar eine intellektuelle Entscheidung, aber kein dogmatisches Manifest, sie bezieht sich einfach auf etwas, das mir nahe liegt. Ein Pavillon kann sowohl Architektur als auch Skulptur, sowohl funktional als auch freie Form sein.


Gebbers: Die Kuratoren von ErsatzStadt interessieren sich vor allem für das entstehende Archiv von Erzählungen. Was hat Sie an diesem konkreten Projekt interessiert?

Craig: Die Erzählungen. Die Kunst des Erzählens geht verloren und das finde ich schade. Ich höre Leuten beim Erzählen gern zu. Dort, wo ich aufgewachsen bin, gab es einige Leute, die sehr gut erzählen konnten und denen ich eine Ewigkeit hätte zu hören können. Leute wie diese werden immer rarer. Mich interessierte das, was man "Oral History" nennt: die Geschichte und wie Leute mit ihrer eigenen Geschichte umgehen. Der amerikanische Architekt Louis Sullivan sagte einmal: "We are here to listen, not just to hear things".
Das Thema Stadt ist in Ihren Arbeiten zentral. Erstaunlich ist allerdings die Farbigkeit Ihrer neueren Objekte - welche Entscheidungen stehen dahinter?
Die Beschäftigung mit architektonischen, skulpturalen und sozialen Aspekten gab mir bislang keinen direkten Anlass zur farbigen Gestaltung. Aber tatsächlich komme ich von der Malerei. Und meine Beschäftigung mit der Jahrmarkt-Thematik hat mich wieder zurück in die malerische Welt geführt. Angezogen hat mich vor allem das handwerklich Selbsthergestellte vieler fahrender Geschäfte und die Grellheit der Farben, die zugleich schön und grässlich, krass und laut ist. Die Frage der Schönheit wird neu gestellt, es herrschen ganz eigene Regeln. Der Jahrmarkt ist eine Metapher für die Stadt allgemein.


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