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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. Mai, 2004

Im Aquarium
Kürzlich bei "Babette" auf der Karl-Marx-Allee

Mark Simons

Nicht alles, was sich während lauer Frühlingsnächte in Berliner Straßen und Cafés abspielt, verdankt sich der puren Spontaneität. Die jungen Leute zum Beispiel, die auf der Karl-Marx-Allee um 23 Uhr schräg gegenüber dem Kino International vor dem ehemaligen Kosmetiksalon "Babette" sitzen, der heute eine Bar ist, trinken nicht einfach ihren Rotwein und unterhalten sich dabei. Wenn man nähertritt, muß man vielmehr bemerken, daß die meisten von ihnen Kopfhörer tragen und auf zwei Leinwände gucken, auf denen man Männerköpfe sieht. Offensichtlich sind die jungen Leute Teil einer Inszenierung, deren Effekt aber davon abhängt, daß sie zunächst gar nicht wie eine Inszenierung, sondern wie eine normale Großstadtszene wirkt. Es handelt sich also um Kunst oder, wie Künstler heute lieber sagen, um eine "Versuchsanordnung"; eine von den Projektemachern Anselm Franke und Hannah Hurtzig erfundene Veranstaltung, deren zahlreiche Titel, Untertitel, Förderer, Haupt- und Nebenträger alle zu nennen hier zu weit führen würde.

Wer nicht die theoretischen Begleittexte gelesen hat, dem erschließt sich der Zusammenhang der Situation erst allmählich. Die Männerköpfe auf den Leinwänden gehören dem Ost-Berliner Dokumentarfilmer Thomas Heise und dem Ost-Berliner Architekten und Stadttheoretiker Bruno Flierl. Flierl erzählt Heise vier Stunden lang sein Leben, und zwar in einem Raum, der dem Publikum unsichtbar bleibt. Die Kameras, deren Bilder live nach draußen übertragen werden, nehmen sie nicht zusammen auf, sondern einzeln für sich, so daß die Zuschauer nicht nur den einen reden, sondern immer auch den anderen zuhören sehen können. Was da gesprochen wird, hat indessen mit der Karl-Marx-Allee und der Bar erst einmal nichts zu tun. Bruno Flierl erzählt, wie er als Schüler mit einem Notabitur versehen und zur Wehrmacht einberufen wurde, wie er in französische Kriegsgefangenschaft geriet und dann 1947 nach Berlin ging, wo die Eltern inzwischen lebten.

Dramaturgisch sind diese einprägsamen und lebendigen Schilderungen von einer Geradlinigkeit, die in krassem Gegensatz zur Kompliziertheit des Arrangements steht. Unwillkürlich fragt man sich, ob das gleiche Resultat nicht auch etwas einfacher hätte erreicht werden können. Allerdings geht von der über Kopfhörer und Leinwand übertragenen Erzählung ein so großer Sog aus, daß man die artifizielle Umgebung fast vergißt. Vor allem, wenn man nicht auf den erzählenden Flierl, sondern auf den zuhörenden Heise blickt, der in seinem schwarzen Trainingsanzug wie ein Urbild konzentrierten Ernstes aussieht, kann man sich wie bei einer Meditationsübung fühlen.

Die Intimität, die da erzeugt wird, steht in einem frappierenden Gegensatz zur Anonymität und Zusammenhanglosigkeit der Situation. Mit den Leuten, die in der Bar ihren Cocktail trinken und sich über irgend etwas unterhalten, hat das Kunstprojekt-Publikum nichts zu tun, ja, es wird noch zusätzlich von ihnen durch die Kopfhörer isoliert: Wie Fische im Aquarium gleiten die beiden Populationen - die Kunst- und die Trinker-Gemeinde - aneinander vorbei. Die hier hergestellte Vertrautheit hat also die Anonymität ringsum geradezu zur Voraussetzung. Daß sich eine wirkliche und fruchtbare Beziehung unter Leuten ergeben könnte, die sich an einem bestimmten Ort gemeinsam mit einem bestimmten Thema beschäftigen, auf eine solche Hoffnung will man sich offensichtlich nicht länger verlassen. Im Gegenteil rechnet man mit einer Öffentlichkeit, in der sich jede Wortmeldung durch ihre strategische Verwendung verbraucht und neutralisiert und damit wertlos wird.

Und natürlich auch ortlos. Wie dem theoretischen Begleittext zu entnehmen ist, soll die Kommunikations-Installation daher auch einen Bezug zur Stadt herstellen. Und tatsächlich: Wenn der Stadttheoretiker erzählt, wie er aus der beschaulichen Einsamkeit des Klosters bei Nancy, wo er seine Kriegsgefangenschaft verbrachte, über die verschiedenen Besatzungszonen in das zerstörte Berlin kam und wie er dort vom Westen aus, wo er zunächst studierte, von Leuten des Kulturbunds bewegt, in den Osten übersiedelte - dann kann einen, die ehemalige Stalinallee und das Filmplakat von "Schulze gets the Blues" im Rücken, plötzlich in der Tat der unabweisbare Eindruck einer Einheit von Zeit, Ort und Handlung überkommen. Verblüffenderweise erzielt die "Versuchsanordnung" den gewünschten Effekt - und gerade dieser Umstand ist es, der ein wenig beunruhigt. Sollten die Konstruktionen der Kunst am Ende nur noch dazu gut sein, die Schäden der Ausdifferenzierung zu kompensieren? Daß man demnächst vielleicht tatsächlich solche Projekte braucht, bloß um sich vernünftig zu unterhalten, das kann einen schon etwas verstimmen.


Berliner Zeitung, 23. April 2004
Stadträume, Erinnerungsräume

Der Architekt Bruno Flierl und der Dokumentarfilmer Thomas Heise beim KIOSK für nützliches Wissen
Tobias Lehmkuhl

Der Ort ist gut gewählt und das Wetter sehr entgegen kommend. Ein paar Bäume verbreiten sogar auf der Karl-Marx-Allee Frühlingsduft. Dabei ist die Gegend um das Kino International nicht besonders heimelig. Und doch kann man draußen sitzen, denn im und vor dem ehemaligen Kosmetiksalon Babette findet an diesem Mittwochabend ein Ereignis statt, dass sich mit urbanen Räumen beschäftigt und wohl deswegen dem Publikum eine für eine Gesprächsveranstaltung ungewöhnliche Bewegungsfreiheit gewährt.

Auf die gläserne Fassade des heute als Bar eingerichteten Gebäudes sind zwei Leinwände gespannt, die sich von innen wie von außen betrachten lassen. Auf einer ist der Architekturtheoretiker Bruno Flierl zu sehen, auf der anderen der Dokumentarfilmer Thomas Heise. Sie sitzen im ersten Stock des gleichen Gebäudes in einer nicht einsehbaren Kammer und führen ein autobiographisches Gespräch, das der Besucher über einen Kopfhörer verfolgen kann, der mit einem mobilen Empfänger ausgestattet ist.

Es handelt sich um eine neue Ausgabe der vom Kuratorenteam Tulip House initiierten Dialogserie KIOSK für nützliches Wissen, die im Rahmen des von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Projekts ErsatzStadt stattfindet. Vier Stunden lang erzählt eine Person der Zeitgeschichte einem von ihr ausgewählten Zuhörer ihr Leben. Die Veranstalter nennen dies eine "Versuchsanordnung zur Erinnerung an die Stadt". Und tatsächlich überlagern sich an diesem Abend Stadträume und Erinnerungsräume auf vielfältige Weise.

So war es Bruno Flierl, der Anfang der sechziger Jahre versuchte, "theoretisch zu beweisen", dass die Stalinallee "falsch" sei. Heute wird niemand Widerspruch einlegen, auch wenn es sich an der schon lange in Karl-Marx-Allee umbenannten Straße inzwischen wunderbar Bier trinken lässt, während man als Teil einer multimedialen Installation fungiert und der Blick auf einen gläsernen Bau gerichtet ist, der eine unmittelbare Präsenz erfährt, als Flierl davon berichtet, wie er ab 1949 eine Ausbildung als Architekt im Geiste von Bauhaus erhielt.

Vier Stunden erzähltes Leben - das scheint viel, ist aber wenig mehr als ein Fetzen, ein minimaler Auschnitt. Der fragmentarische Charakter einer derartigen Lebensbeschreibung wird durch die Mitwirkung des Publikums noch einmal betont. Es steht geradezu stellvertretend für den Selektionsprozess, den Erzähler und Fragesteller (denn Thomas Heise ist keineswegs nur Zuhörer) vollziehen müssen. Man kann den Kopfhörer ja jederzeit abnehmen, sich mit seiner Begleitung unterhalten, die anderen Menschen ausführlich beobachten oder auf die Interferenzen acht geben, die insbesondere jene erzeugen, die nur zum Trinken gekommen sind, die Kopfhörer verschmähen und sich von den fast unbeweglichen Partnern auf den Leinwänden gleichfalls nicht ablenken lassen.

Isoliert sitzen einzig Flierl und Heise in ihrem abgeschlossenen Gesprächszimmer. Dieser Zustand kommt einem in den Sinn, als Flierl davon berichtet, wie gerade die Isalotion in der Kriegsgefangenschaft ihm die Möglichkeit zur Entdeckung des Selbst bot. Eine gesellschaftlich-politische Orientierung fehlte ihm damals. Die fand er dann in der DDR - "als Verheißung, nicht als Versprechen".

Spätestens hier drängen sich die Parallelen in den Autobiographien von Erzähler und Fragesteller auf. Und Thomas Heise legt keine falsche Zurückhaltung an der Tag. Er macht Flierl auf verwandte Erfahrungen aufmerksam und scheut keineswegs, ihn hier und da zu unterbrechen, eine Wegänderung vorzunehmen und versteckte Türen im Gedächtnis des 1927 geborenen zu öffnen. Manchmal aber reicht auch ein "Und dann?", und Heise, Jahrgang 1955, schwappen wahre Erinnerungsfluten entgegen.

Längst nicht alles davon will man wirklich hören. Bruno Flierl erzählt von Vergewaltigungen durch die Wehrmacht und von den steifgefrorenen Beinen toter Russen, die abgehackt wurden, damit man sie auftauen konnte, um an die Stiefel zu kommen.

Um Mitternacht fragt der auch um diese Zeit noch sehr fidel wirkende Flierl: "Ist denn überhaupt noch jemand da?" Ja. Einige haben durchgehalten, nur draußen sitzt niemand mehr. Es ist kühl geworden. Wer bleiben will, wärmt sich an ein paar Gläsern in der gläsernen Bar. Unmerklich hat sie sich von einem offenen Raum in einen geschlossenen Rückzugsort verwandelt. Bruno Flierl muss das gefallen haben: Architektur in Bewegung.

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