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Frankfurter Rundschau 06.06.2003

Kiosk für irgendein Wissen

Wenn's denn der Wahrheitsfindung dient: Kontrolle, Gesetz, Simulation, Migration - hipp & akademisch, kurz: Ersatzstadt. Irgendwie gut.

Von Petra Kohse


Es ist natürlich nicht so, dass es heutzutage an Wissen über die Welt fehlen würde. Aber dieses Wissen zu nutzen, wird durch das interesselose Sprudeln digitaler Quellen mindestens ebenso erschwert wie durch die informationsförmige Zurichtung des Gewussten in den Medien. "Ich werde vom Fernsehen missbraucht", drückt es der Berliner Politikwissenschaftler Friedemann Büttner aus. "Man lädt mich als Nahostexperten ein, und dann soll ich in zweieinhalb Minuten die Mysterien der Welt erklären." Büttner sagte das unlängst in der Villa Elisabeth in Berlin im Gespräch mit dem israelischen Architekten und Filmemacher Amos Gitai.

Zwei Stunden lang saßen die beiden ganz für sich, ohne Moderator, in einem Erdgeschossraum des klassizistischen Gebäudes, sprachen über dies und das und darüber, wie sich an Häusern oder Landschaften politische Geschichte ablesen lässt. Eine Kamera übertrug die Begegnung ins Obergeschoss, wo fünfzig bis achtzig Menschen mit Kopfhörern auf der Galerie saßen und auf zwei Leinwände blickten, die das Gesicht je eines der Gesprächsteilnehmer zeigten, oder mit Bierflaschen und Weingläsern eine konstruktivistische Installation aus bunten Flächen umschlenderten.

Es war der erste Produktionstag des "Kioskes für nützliches Wissen", einer "mobilen Forschungseinheit" wie es die Veranstalter von Tulip House ausdrücken, und wenn es nach ihnen geht, wird dieses Kiosk bald an wechselnden öffentlichen Orten stehen, die Passanten zu günstigsten Preisen mit Getränken versorgen und außer allerhand Fachliteratur auch abgefilmte Zweistundegespräche zu den verschiedensten Themen bereithalten.

Da kommt man dann aus dem Kaufhaus, setzt sich, bevor der Bus kommt, rasch noch auf einen der bunten, hell gepolsterten Hocker von Stephen Craigs transportablem Multifunktionskiosk vor einen kleinen Flachbildschirm und hört über Kopfhörer, was Sozialarbeiter über die Theorie der sozialen Arbeit sagen. Oder Feministinnen über die Frauenbewegung in der DDR. Oder Mediziner über epidemische Strukturen. Zum Beispiel. Die Reihe mit israelischen Architekten und Stadtplanern (u. a. auch mit Sharon Rotbard und Eyal Weizman) ist jedenfalls nur der Anfang, und zwar einer, der in die aktuelle Ausgabe des "Ersatzstadt"-Projektes besonders gut passt .

Bei der "Ersatzstadt" handelt es sich um ein mit Mitteln der Bundeskulturstiftung gefördertes Veranstaltungspaket, das die Volksbühnendramaturgin Bettina Masuch in Zusammenarbeit mit den Kuratorenteams metroZones (Jochen Becker, Stephan Lanz) und Tulip House (Anselm Franke, Hannah Hurtzig) entwickelt hat. Ursprünglich als Sondernutzung der temporären Sperrholzarchitektur "Neustadt" von Bert Neumann in der Volksbühne gedacht, überzieht das teils akademische, teils künstlerische Programm zum Thema internationale Stadtforschung und Stadtplanung mit seinem aktuellen (Tulip House-)Projekt "7 Tage Raumkontrolle" im Grunde die ganze Stadt.

Insbesondere natürlich durch das "Ersatzradio", das auf 104,1 UKW rund um die Uhr mit Filmnacherzählungen, Gesprächen mit Fahrgästen aus dem Radiotaxi ("sprechen statt blechen"), Musik, vor allem aber gründlichen Interviews zu Themenbereichen wie "Kontrolle", "Gesetz", "Simulation" oder "Migration" präsent ist. Täglich zwischen 18 und 20 Uhr werden auch die Gespräche gesendet, die jeweils am Vorabend in der Villa Elisabeth für das Kiosk für nützliches Wissen aufgezeichnet wurden.

Das Kiosk, das sich hier auch mit kyrillischen Buchstaben schreibt, geht auf eine sowjetische Idee aus den 20er Jahren zurück, das Kiosk als "transportable Architektur für propagandistische Redner" zu nutzen. Der irische Architekt und Künstler Craig setzte es als gevierteilten Kreis mit unterschiedlich lang herausragenden Trennwänden um, wobei drei der Viertelkreisbögen als Tresen in unterschiedlicher Höhe fungieren, der vierte zu einem von außen mit Tuch verhängten Regal ausgebaut wurde und alle Bereiche durch Türen verbunden sind. Archiv, Verkaufsstand, Bar und Büro können auf diese Weise von nur einer Person versorgt werden.

Das alles sieht gut aus, leuchtet ein und strahlt neben intellektueller Hippness durchaus seriöses Forschertum aus. Alexander Kluge mit seinem dctp-Fernsehen wäre hier absolut anschlussfähig und ist vielleicht sogar ein Vorbild. Durchaus kann man sich entsprechend vorstellen, dass dieses Projekt im Ersatzstadt-Rahmen nur angeschoben wird, und auch danach gesprächsaufzeichnungsweise "in Erzählung umgeschlagene Theorie" (Hannah Hurtzig) angehäuft und irgendwann sogar auf Plätzen des öffentlichen Lebens zur Verfügung gestellt wird.

Nur eines will sich nicht so recht visualisieren lassen: Dass es dann tatsächlich der so genannte Mann von der Straße sein wird, der sich an den Tresen stellt und fragt: "Haben Sie etwas über die urbanen Mythen in Israel?" Wobei es das Bedürfnis nach Volksbildung durchaus gibt, wie die Begegnung mit dem älteren Mann im Tiergarten zeigt, der lange vor dem Lortzing-Denkmal stand, bevor er herüberkam und höflich fragte, ob der Herr mit dem Stift in der Hand denn ein Dichter oder Musiker gewesen sei. Wenn die Sache indessen auf so komplexer Ebene wie beim Kiosk angesiedelt ist, wird sie als Begleitdienst wohl noch die imitation of Stadtzentrumspassanten benötigen. 365 Tage im Jahr Raumkontrolle - schnapp sie dir alle! Fortsetzung folgt.